Wie alles begann

Geschichte

1950 fanden sich im großen Rathaussaal 84 Personen ein mit dem Ziel, eine Gemeinnützige Baugenossenschaft für den Landkreis Vohenstrauß zu gründen. Von den Erschienenen traten spontan 79 der Genossenschaft bei. Es wurde eine Satzung beschlossen, eine Vorstandschaft und ein Aufsichtsragewählt. Regierungsinspektor Hans Hutzler, Bürgermeister Erhard Wagner und Kreisbaumeister Ambros Ach waren die ersten Vorstandsmitglieder. In den Aufsichtsrat wurden Regierungsrat Gerhard Knorr, Dr. Hans Kraus, Spenglermeister August Sperl, Buchdruckermeister Theo Stümpfler, Reg. Oberinspektor a.D. Hans Fuchs, der Rentner Franz Kurzka, der Fabrikant Adolf Diller, sowie aus Altenstadt Bürgermeister Karl Dirscherl und Direktor Erich Gerber gewählt. Bereits kurze Zeit später, am 6. März 1950, erfolgte die Eintragung im Genossenschaftsregister beim Amtsgericht Weiden. Die Regierung der Oberpfalz sprach mit Schreiben vom 23. März 1950 die Anerkennung als Gemeinnütziges Wohnungsunternehmen aus.

Wohngebiet an der Waidhauser Straße

Was war überhaupt der Anlass für die Notwendigkeit, eine Baugenossenschaft zu gründen. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das Rad der Zeit um nahezu 55 Jahre zurückdrehen.

Mit dem Ende des furchtbaren und sinnlosen 2. Weltkrieges setzte ein Flüchtlingsstrom aus Schlesien, aus dem Sudetenland und aus den anderen ostdeutschen Vertreibungsgebieten ein. Am 15. Februar 1946 wurden im damaligen Landkreis 5.353 Flüchtlinge gezählt, davon 1.123 in Vohenstrauß.
In einem Bericht der Stadt vom 05. März 1946 heißt es: „Die Stadt Vohenstrauß ist stark belegt mit Flüchtlingen und Evakuierten. Gegenwärtig befinden sich rund 500 Flüchtlinge aus Schlesien, 300 Flüchtlinge aus dem Sudetenland und etwa 300 aus dem übrigen Reichsgebiet in der Stadt.“ Hatte die ehemalige Kreisstadt bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 noch 2.227 Einwohner, so waren es am 13. September 1950 bereits 3.548 Menschen, darunter 1.033 Heimatvertriebene.
Diese Situation stellte nicht nur die Stadt Vohenstrauß vor eine große Herausforderung, galt es doch, die vielen vertriebenen Menschen einzugliedern und in die örtliche Gemeinschaft aufzunehmen. Persönliche Kontakte zu knüpfen, ein Stück Menschlichkeit und Geborgenheit in der schweren Zeit nach dem Verlust der angestammten Heimat zu vermitteln, war die eine Seite. Gleichzeitig mussten die Vertriebenen aber auch einen Arbeitsplatz und ein Dach über den Kopf bekommen. War schon die Wohnungsversorgung der einheimischen Bevölkerung völlig unzureichend, so setzte mit dem enormen Bevölkerungszuwachs eine wahre Wohnungsnot ein.

In wirtschaftlicher Hinsicht war im Jahre 1949 eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen. Im Zuge durchgreifender Änderungen des Wirtschaftslebens vollzog sich auch in Vohenstrauß ein entscheidender Wandel der Erwerbsstruktur. Vohenstrauß entwickelte sich zu einer kleinen Industriegemeinde. Arbeitsplätze waren in ausreichender Zahl nicht nur in der Porzellanfabrik Seltmann und in der Hosenfabrik Hölzl, sondern auch in der neuen Glasfabrik Taube und in mehreren kleineren Glasraffinerien vorhanden. Diese positive Erwerbs- und Arbeitsplatzstruktur führte dazu, dass ein Großteil der Vertriebenen in Vohenstrauß sesshaft wurde und damit eine zweite Heimat fand.

Die Lösung des damit verbundenen Wohnungsproblems stellte die Verantwortlichen vor erhebliche Herausforderungen. Die politischen Gremien wie das Landratsamt und die Stadt ergriffen zwar die Initiative - so erbaute die Stadt zwei Mehrfamilienhäuser - waren aber letztendlich mit der Bewältigung der Aufgabe überfordert. Um größere Bauvorhaben planen und verwirklichen zu können, musste ein Bauträger gefunden werden, der bereit und in der Lage war, sich des Wohnraumproblems anzunehmen.
Die im Jahre 1919 in Vohenstrauß gegründete Baugenossenschaft, die 1944 in Liquidation gegangen war, sollte deshalb wieder mit Leben erfüllt werden und die dringend notwendigen Bautätigkeiten aufnehmen. Bereits am 31. August 1946 hatten sich 52 Interessierte gefunden, die die Neugründung der Baugenossenschaft beschlossen. Nach der Genehmigung durch die Militärregierung wurde ein Bauprogramm für 4 Reihenhäuser mit 16 Zweizimmer-Wohnungen für das Jahr 1946 und für 7 Reihenhäuser mit Dreizimmer-Wohnungen für das Jahr 1947 geplant. Die Bauplätze hierfür hatte die Stadt Vohenstrauß der Genossenschaft bereits zur Verfügung gestellt.

Neubau in der Stanzenbachstraße

In der Folgezeit zeigte sich jedoch, dass eine Reaktivierung der in Liquidation befindlichen Alt-Baugenossenschaft nicht mehr möglich war, da eine Aufteilung des Vermögens bereits begonnen hatte und der Gründungsakt vom 31. August 1946 nicht rechtskräftig war. Eine formelle Neugründung war deshalb notwendig, die auf Initiative des Landratsamtes am 10. Februar 1950 erfolgte. Den damaligen Landrat und späteren Bezirkstagspräsidenten Hans Pösl darf man zu Recht als „Gründungsvater“ bezeichnen, denn ohne seinen Einsatz wäre die Baugenossenschaft vielleicht nicht oder erst später ins Leben gerufen worden.

Mit nachdrücklicher Unterstützung von politischer Seite wurde noch im selben Jahr mit dem Bau von 63 Wohnungen begonnen. 1951 erfolgte die Errichtung von 38 Wohneinheiten. 1952 kamen weitere 65 Wohnungen und 1953 nochmals 66 Wohnungen hinzu. Die Baugenossenschaft war aber nicht nur in Vohenstrauß tätig, sondern errichtete auch in Altenstadt und Waidhaus mehrere Häuser mit Genossenschaftswohnungen und verfügte im Jahre 1959 über insgesamt 290 Wohnungen. In den Folgejahren kam noch der Bau von Reihenhäusern und von Eigentumswohnungen zur Ausführung.

Aus den "Oberpfälzer Nachrichten" vom 19.07.1951